Wissenswertes

Geschichte der Heilkräuter

Die Geschichte der Heilkräuterkunde ist vermutlich schon mehr als 70 000 Jahre alt. In einem irakischen Neandertaler-Grab wurden verschiedene Heilkräuter gefunden, die auch heute noch ihre Verwendung finden. In der Tierwelt besteht offensichtlich ein instinktives Wissen darüber, wann welches Heilkraut hilft und vermutlich beobachteten die Menschen schon früh Tiere in freier Wildbahn und lernten von ihnen. So wohl auch die Eismumie „Ötzi“ und seine Zeitgenossen, denn in seinem Besitz wurden mehrere Heilkräuter gefunden.

Sowohl bei den Sumerern, wie auch bei den Babyloniern (ca. 3 000 v. Chr.) wurde das erlangte Wissen mündlich, aber auch schriftlich an die nächsten Generationen weitergegeben. Zur etwa gleichen Zeit wurden auch in Ägypten, Indien und China schriftliche Aufzeichnungen angefertigt. Die bekannteste ist wohl „Der Klassiker des Gelben Kaisers zur Inneren Medizin“ (ca. 2 697 V. Chr.), die als Grundlage für die heutige Traditionelle Chinesische Medizin angesehen werden kann.

Im antiken Griechenland wurde die Grundlage der Traditionellen Europäischen Medizin gelegt. Hippokrates von Kos (460 – 370 v. Chr.) gilt als Urvater der Medizin. Sein Satz „Lasst eure Heilmittel Nahrung sein und eure Nahrung Heilmittel!“ hat nichts von seiner Bedeutung verloren und wichtige Aufzeichnungen Stammen von Dioskurides, einem griechischen Militärarzt aus dem ersten Jahrhundert nach Christi. Sein Werk wurde in die Lateinische Sprache übersetzt und wurde als  „Materia medica“ berühmt.

Das Werk von Plinius,  einem Offizier und Beamten des römischen Reiches (1. Jhdt. n. Chr.), ist eine Sammlung hunderter verschiedener Autoren griechischer und römischer Bücher, die er zitierte und die anderweitig  verloren gegangen wären. Und mit den Römern kamen viele Pflanzen samt dem Wissen darüber in nördlichere Regionen.

Ab dem frühen Mittelalter (ca. 8. Jhdt.) sorgten Benediktinermönche für die weitere Kultivierung, Erforschung und Verbreitung der Heilkräuter. Die Mönche brachten von vielen Klöstern weltweit ihre Ableger und Samen der Heilpflanzen auch zu uns, wo sie sie in Kräutergärten anpflanzten. Durch ihre Sprachkenntnisse konnten sie alte Aufzeichnungen lesen, überprüfen, revidieren und erweitern. Gleichzeitig schrieben sie neue Bücher mit neuem Wissen. In jedem Kloster befand sich auch ein Klostergarten, der die Mönche ernährte und medizinischen Zwecken diente und eine „apotheca“ – ein Lagerraum für die Kräuter.

Kaiser Karl der Große befahl gegen Ende des 8. Jhdts. in seinem Erlass „Capitulare de villis“  welche Pflanzen auf seinen Landgütern angebaut werden sollten. Dazu gehörten unter anderem Liebstöckel, Majoran,Melisse, Minze, Thymian und Salbei. Einerseits war er  selbst ein Anhänger der Pflanzenmedizin und andererseits wollte er sein Volk und nicht zuletzt seine Soldaten gesund erhalten. Die Kräutermedizin wurde dadurch zur Volksmedizin.

Walahfried Strabo (9. Jhdt.), Abt des Klosters auf der Bodenseeinsel Reichenau, beschrieb in seinem Gedicht  „Hortulus“  das Heilpflanzenwissens seiner Zeit.

Eine berühmte Heilkundlerin war die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Sie verfasste zahlreiche Bücher wobei das wohl berühmteste die „Physica“ ist. Darin beschreibt sie in 500 einzelnen Abschnitten Heilpflanzen, Giftpflanzen, Mineralstoffe und anderes. Neben dem antiken Wissensschatz über den sie verfügte, fügte sie aber auch neue Pflanzen hinzu, die bei uns heimisch sind. Dabei beobachtete sie wann und wie das „normale“ Volk die Kräuter einsetzte.

Nach und nach bildete sich eine neue Berufssparte, die Apotheker. Diese legten sich eigene Apothekergärten an und stellten aus den Pflanzen Tees, Salben und Öle her.

Für das einfache Volk, dass sich die Präparate aus der Apotheke meist nicht leisten konnte, waren Kräuterfrauen die wichtigsten Ansprechpersonen. Sie verwendeten zur Behandlung der Kranken Heilpflanzen und waren auch meist als Hebamme sehr gefragt. Durch ihr Wissen konnten sie auch Betäubungsmittel einsetzen, wenn Schmerzen allzu groß wurden, aber sie verwendeten auch verschiedene „Zauber“, da in der Bevölkerung der Glaube vorherrschte, dass der eigentliche Grund für Erkrankungen böse Geister wären. Dadurch gerieten diese Weisen Frauen meist schnell in den Verdacht Hexen zu sein und mehrere Hunderttausend mussten ihr Leben auf dem Scheiterhaufen lassen.

Der Arzt Paracelsus (16. Jhdt) gilt als Urheber der Spagyrik und sagte selbst, dass er einen großen Teil seines Wissens diesen Kräuterfrauen verdankte. Er war auch einer der ersten, die medizinische Vorlesungen in deutscher Sprache hielten und seine Bücher lies er ebenfalls  in Deutsch erscheinen, da er der Meinung war, jeder sollte die Medizin verstehen.

Durch die Verbesserung des Buchdrucks und die Zunahme an Menschen, die lesen konnten, entstanden immer mehr bebilderte Kräuterbücher (z. B. von J. Th. Tabernaemontanus oder H. Bock). Dadurch verbreitete sich das Wissen über Heilkräuter in der Bevölkerung weiter und Heilkräuter wurden nicht mehr nur in Klostergärten, sondern auch in Bauerngärten kultiviert. Dadurch waren sie plötzlich auch in ausreichender Menge für Jederfrau und Jedermann nutzbar.

Heilkräuter heute

Durch die Entwicklung von pharmakologischen Wirkstoffen im 18. und 19. Jahrhundert wurde die Verwendung von Heilkräutern stark an den Rand gedrängt. Lediglich in der „einfachen“ Bevölkerung überlebte ein Teil des alten Wissens. Doch es entstanden auch Gegenströmungen gegen diese Tendenz.

Samuel Hahnemann (1755 – 1843) entwickelte im 18./19. Jahrhundert seine Ähnlichkeitslehre und die daraus resultierende Homöopathie. Von Johann Wolfgang von Goethe über Vincent Prießnitz bis hin zu Sebastian Kneipp studierten viele große Denker die Natur und entwickelten verschiedene naturheilkundliche Verfahren.

Mit seinem Buch „Chrut und Unchrut“ wurde der Schweizer Pfarrer Johann Künzli (1857 – 1945) berühmt und Rudolf Steiner (1861 – 1925) brachte als Begründer der Anthroposophie die Rolle der Heilpflanzen und den „Geist“ der Natur wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen.

Der französische Arzt Henri Leclerc (1870 – 1955) prägte schließlich im 20. Jahrhundert den Begriff Phytotherapie.

Durch die NewAge-Bewegung der 60er-Jahre und die Entwicklung verschiedener komplementär-medizinischer Methoden in den 80er-Jahren, wurde das Interesse an der Heilkräuterkunde wieder neu belebt. Nicht zuletzt auch dadurch, dass viele Menschen die oft beträchtlichen Nebenwirkungen pharmakologischer Präparate nicht in Kauf nehmen möchten.

Heute wird auch die Heilkräuterkunde teilweise auch sehr wissenschaftlich angegangen. Verschiedene einzelne Inhaltsstoffe von Heilpflanzen werden extrahiert und analysiert. Bei diesem sehr schulmedizinischen Vorgehen wird jedoch meist vernachlässigt, dass es oft erst die Kombination von vielen verschiedenen (manchmal auch hunderten) Wirkstoffen einer einzelnen Pflanze ist, die die Wirkung ausmacht.

Anwendung von Heilkräutern heute

  • kulinarisch / zum Würzen (frisch, getrocknet, in Öl, in Essig, in Salz, in Zucker, als Pesto, etc.)
  • Kräuterwasser
  • Tee / Heiltee
  • Tinkturen (Urtinktur, Essenz)
  • Sirup
  • Körperöl, Salben, Cremen
  • Kräutermilch
  • ätherische Öle
  • Presssaft
  • Kräuterwein
  • Kräuterbad
  • Kräuterpulver
  • Wickel / Kompressen / Umschläge
  • Inhalation / Dampfbad
  • Pflanzenpflaster
  • Duftsäckchen / Kräuterkissen
  • Kräuterbüschel
  • Räucherwerk
  • Naturkosmetik
  • Homöopathie
  • Bachblütenals
  • Oxymel (Sauerhonig)
  • Amulett
  • etc.